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Erfahrungen eines Schnäppchenjägers

Leider bekam ich vor gar nicht langer Zeit von der Musikschule zu hören, dass Jens, mein achtjähriger Sohn, „sehr musikalisch” sei.

Sein Lieblingsinstrument: das Klavier.

Tja, da steht man nun als Vater so eines Jungen. „Sehr musikalisch.” Na gut, kann schon sein, aber … was kostet so ein Instrument?
In der Musikschule erzählte mir ein Lehrer, dass der Klavierhändler am Ort ein Miet- und Mietkaufsystem anbietet. Man kann sich dort ein Klavier leihen, das nach Ablauf einer gewissen Zeit in Eigentum übergeht. Dieser Händler sei wohl auch vertrauenswürdig. Das wurde mit sehr viel Nachdruck gesagt! (Warum, das erfuhr ich erst im Nachhinein!)

Letzte Woche Samstag habe ich diesen örtlichen Händler aufgesucht. Die Preise haben mich glatt umgehauen. Haben Sie eine Ahnung, was ein gutes und einigermaßen vernünftiges Instrument da kostet? Nun, ich möchte Sie nicht mit Einzelpreisen langweilen, aber die hörten sich gigantisch an. Und Rabatt? Nichts da. Eine Klavierbank könnte ich gratis dazu bekommen. Ein Preisnachlass sei nicht möglich, sagte dieser Mann. Übrigens, er war schon ein sympathischer Typ, das ja. Er arbeitet auch als Klavierstimmer, hat den Beruf in einer Klavierfabrik gelernt und hat zudem eine gut ausgestattete Werkstatt direkt hinter dem Geschäft, wo er in einem altmodischen Arbeitskittel seinen Job macht. Ich hatte schon den Eindruck, dass er ein Fachmann ist, aber noch mal: was für Preise!

Schade. Eigentlich hatte ich das Gefühl, diesem Mann vertrauen zu können. Er drückte mir noch eine nette Broschüre in die Hand, mit Preisliste, einfach schwarz auf weiß. Ein attraktives Mietsystem hatte er auch für unseren Jens. So wäre ich das teure Ding zumindest wieder losgeworden. Man weiß ja, wie das manchmal so geht. Heute Klavierstunden und morgen wollen sie ein Pferd oder Tennis spielen. In dieser Broschüre stand übrigens auch, worauf man achten muss, wenn man ein Klavier kaufen will. Interessant. Standen ganz sinnvolle Tipps drin.
Am Wochenende habe ich mich als preisbewusster Verbraucher an den Computer gesetzt und ein bisschen rumgesurft. Na, da sieht man ganz andere Preise und Rabatte. Ich machte mich vergnügt, wegen der Preisabschläge, auf den Weg und hab ein paar dieser Geschäfte besucht. Ich kann Ihnen sagen: Da fällt man genauso um, aber diesmal wegen der Rabatte. Zwanzig, dreißig und noch mehr Prozent! Das sind Schnäppchen!

Der erste Händler, bei dem ich am Dienstagmorgen aufgetaucht bin, bot ein fast neues Schimmelklavier an: statt € 8.000,- nur € 3.700,-(*). Leider war das Schimmel schon verkauft. „Ja”, sagte der Verkäufer, „für solche Schnäppchen stehen die Kunden Schlange.” (Ich dachte noch, warum decken Sie sich dann nicht ordentlich mit solchen Klavieren ein, aber so etwas sagt man natürlich nicht.)
Er bot mir aber gleich eine günstige Alternative an. Einen echten „Bechmann”. Der war zufällig auch im Sonderangebot. Normaler Verkaufspreis € 4.500,- und jetzt, weil dieser Verkäufer meinen Sohnemann so musikalisch fand, nur € 3.500,-. Das fand ich recht entgegenkommend. Als ich weggehen wollte, bot er mir das Klavier sogar für € 3.200,- an, aber dann müsste ich mich schon sofort entscheiden. € 1.300,- gespart! Ich gestehe, ich wurde nervös, denn meine Frau hatte nachdrücklich darauf bestanden, das neue Klavier ebenfalls in Augenschein nehmen zu wollen.

Mir war klar, dass meine Frau sich nicht ohne Weiteres auf das Angebot einlassen und unsere Familie ohne viel nachzudenken um € 1.300,- bringen würde, aber na ja, eine Scheidung kostet mehr, also blieb ich bei meinem „Nein”.(**)

Am selben Morgen noch bin ich zu einem Betrieb gegangen, der selbst neue japanische Klaviere importiert. Keine Yamahas, sondern Klaviere und Flügel von „Nakamura” (***), direkt aus Japan, sagte der Verkäufer. Den Unterschied zu einem neuen Yamaha oder Kawai konnte ich tatsächlich nicht sehen. Sie waren allesamt genauso schwarz. Die Nakumuras klangen schon ein bisschen „blechern”. Aber ein Rabatt, Leute, der einem den Mund wässerig macht!
„Woanders € 8.000,-. Bei uns – durch eigenen Import – nur € 6.000,-.”
Und auch darüber ließe sich noch sprechen, teilte mir der Verkäufer mit einem fetten Augenzwinkern mit. Daneben stand auch noch ein koreanisches Klavier. Das klang genauso blechern.
Der Verkäufer sah wohl, dass mir der Klang dieses Nakamura-Klaviers nicht gefiel und führte mich zu einem englischen „Everest”(****)-Klavier. Aber das hörte sich genauso blechern an wie das Nakamura-Piano. Der Verkäufer meinte jedoch, dass dies nicht der Rede wert sei. Er hätte ausgezeichnete Fachleute in der Werkstatt und die könnten den Klang sogleich anpassen.(*****)

Ich hatte auch noch die Adresse von jemandem, der wohl hundert „junge” Yamaha-Klaviere im Angebot hatte. Die kaufte er selbst in Japan auf. „Da stehen Tausende junge Klaviere, die höchstens zehn Jahre alt sind”, sagte der Verkäufer. Nun, sie sahen in der Tat „wie neu” aus. Inzwischen hatte ich mal die Broschüre unseres örtlichen Klavierhändlers durchgeblättert und mir die „Welt der Flügel und Klaviere” ******angesehen. Darin hatte ich allerlei Seriennummern mit dem dazugehörenden Baujahr entdeckt. Als der Verkäufer mich kurz allein ließ, schaute ich mal eben nach der Nummer des Pianos, das mir auf den ersten Blick gefallen hatte. Aber – nach dieser Liste war es schon 27 Jahre alt. Und ein anderes Klavier hatte sogar dreißig Jahre auf dem Buckel. Das zum Thema „höchstens zehn Jahre”. Es lag auch noch jede Menge Staub im Klavier. Dabei stand in der Broschüre meines ortsansässigen Händlers, dass ein Klavier in einem guten Betrieb immer gereinigt und wieder in Schuss gebracht ist. Genau wie ein Auto, das vor dem Weiterverkauf generalüberholt wird. Das Stimmen, stand da, könnte man mit dem Benzin eines Autos vergleichen. Ohne Benzin fährt Ihr Wagen nicht. Und ein ungestimmtes Klavier klingt nicht. Außerdem braucht ein Piano, genau wie ein Auto, dann und wann eine Inspektion bzw. Wartung.

In der Broschüre war auch zu lesen, dass so eine Generalüberholung bei aus Japan importierten Klavieren super wichtig sei. Und zwar deshalb, weil die Klaviere oft sehr feucht gestanden haben. Dadurch können Metallteile oxydiert sein. Diese müssen dann sehr gut poliert werden.

In diesem Moment wurde mir klar, dass dieses Klavier unmöglich kontrolliert worden sein kann, so verschmutzt war das Ding. Ich habe mich also verabschiedet und bin Hals über Kopf nach Hause gefahren.

Am Abend habe ich mich dann hingesetzt und mir die Broschüre „Die Welt der Flügel und Klaviere” des Händlers aus meiner Stadt mal ganz genau durchgearbeitet. Danach habe ich endlich begriffen, wie so gigantisch hohe Preisnachlässe zustande kommen.

Am nächsten Morgen ging ich, inzwischen etwas klüger geworden zu einem anderen Händler, der auch mit enormen Rabatten wirbt. Keine Bechmann- oder Nakamura- oder Everest-Pianos, und auch keine aus Japan importierte junge Klaviere, sondern Marken-Pianos mit fantastischen Nachlässen neben (für mich) unbekannten Marken. Schließlich fiel meine Wahl auf zwei Marken-Klaviere, ein neues von Sauter und ein neues von Yamaha. Beide mit ungefähr 30 % Rabatt. Ich ließ beide Instrumente reservieren und eilte zufrieden nach Hause. Ich nahm mir noch einmal die Broschüre meines ortsansässigen Klavierhändlers vor. Plötzlich stieß ich auf folgenden Satz: „Wir haben in diesem Bezirk die Alleinvertretung für Sauter und Yamaha.” Und es ging weiter: „Wenn Ihnen also ein neues Sauter oder Yamaha angeboten wird, stimmt etwas nicht. Wahrscheinlich handelt es sich um ein in Zahlung genommenes Piano oder ein Klavier aus einer Dumping-Partie.” (Ja, dieser Händler kann mir viel erzählen. Gewöhnlicher Konkurrenzneid, dachte ich.)

Aber es ging noch weiter mit: „Rufen Sie gegebenenfalls den Importeur an. Hier seine Telefonnummer.” Verdammt, dachte ich. Das ist stark. Also rief ich die Nummer einfach mal an. Und was stellte sich heraus? Das Sauter-Klavier war vor vier Jahren von einem anderen Händler verkauft worden. Dieser hatte es tatsächlich beim Verkauf eines anderen Pianos in Zahlung genommen. Auch das Yamaha war nicht vom zuständigen Importeur geliefert worden, sondern stammte aus einem Schadensfall.

Am nächsten Tag bin ich wieder zu meinem örtlichen Händler gegangen. Sein Arbeitskittel sah noch etwas mitgenommener aus als vor einer Woche. Ich dankte ihm für seine Tipps und erzählte die Geschichte von den „neuen” Sauter- und Yamaha-Klavieren, die sich als gar nicht so neu herausstellten, wie der Verkäufer weismachen wollte. Ich fragte ihn anschließend, ob ihm Pianos von Bechmann, Nakamura und Everest bekannt seien. Ja, sicher kannte er diese Marken, und dann erzählte er mir, was Sie hier als Anmerkungen lesen können.

Er holte Kaffee und in einer gemütlichen Atmosphäre erklärte er mir noch einmal seine Mietkaufregelung. Schließlich unterschrieb ich bei ihm einen Vertrag über ein chinesisches Klavier, das merklich besser klingt und spielt als das Bechmann-Piano und insgesamt 3.295,- € kosten wird, und das ist billiger als das „Schnäppchen” für € 3.200,-. Ich habe einfach mehr Vertrauen in diesen schmutzigen Arbeitskittel als in die glatten Sprüche der anderen Verkäufer. Und wenn es mal Probleme geben sollte, sitzt er ganz in der Nähe …
Er erklärte mir übrigens auch, dass dieses chinesische Klavier nur für den Anfang geeignet sei. Er empfahl mir, das Klavier nach ein bis drei Jahren gegen ein deutsches, japanisches oder tschechisches Klavier einzutauschen, weil der Klang dieser Pianos viel schöner ist. Wenn ich nach drei Jahren ein besseres Klavier bei ihm kaufen sollte, bekomme ich das Geld für mein chinesisches zurück. „Natürlich ist dann kein Rabatt auf das teurere Instrument möglich”, fügte er hinzu, aber das fand ich ziemlich logisch.

Inzwischen hat mein Sohn zwölf Klavierstunden hinter sich und ich glaube tatsächlich, dass seine Musiklehrerin Recht hat. Er ist meines Erachtens verdammt musikalisch, denn er spielt mit viel Gefühl. Das Klavier hört sich gut an. Und ich gestehe, dass es verdammt toll ist, seinem eigenen, erst achtjährigen Sohn zuzuhören … da geht einem das Herz auf! Ich denke, dass wir innerhalb der nächsten drei Jahre ein schöneres Klavier kaufen für unseren Jens.
* Ein Schimmel von € 8.000,- für € 3.700,- scheint billig, aber wenn das
Instrument weder gereinigt ist noch reguliert und intoniert wurde, wenn der Filz verschlissen ist, oder das Instrument in einem zu trockenen oder feuchten Raum gestanden hat, dann ist es kein „Schnäppchen”. Darüber hinaus werden Marken-Pianos wie Schimmel, Seiler, Sauter, Yamaha, Petrof usw. in solchen Betrieben gerne als Lockangebote eingesetzt.

** „Bechmann” ist eine Fantasiemarke. Meistens handelt es sich um ein
chinesisches Klavier, das Sie beim örtlichen Fachhändler billiger, besser intoniert und reguliert kaufen können.

*** Nakamura wird nicht in Japan gebaut, wie dieser Händler erzählt. Es handelt
sich hier um eine Marke der viel billigeren koreanischen Young Chang Fabrik.

**** In der Tat kann ein guter Fachmann durch Intonieren die Tonqualität
beeinflussen. Dies geschieht unter anderem durch die Auflockerung der Hammerköpfe mit Hilfe von Nadelstichen. Das ist jedoch äußerst schwierig und ich darf ruhig unterstellen, dass nur sehr wenige Klavierstimmer diesen Teil ihres Berufs gut beherrschen.

**** Everest ist kein Englisches Klavier so wie der Verkäufer behauptete, sondern wird hergestellt bei der Korianischen Yyundai Fabrik.

****** Die Welt der Flügel und Klaviere ist eine Ausgabe von dem Autor, Peter Westera. Die Geschichte vom Klavierbau wird darin beschrieben; aber auch, wie ein Klavier und ein Flügel funktioniert, wobei man aufpassen muss, wenn man ein Klavier kauft etc. Zudem enthält es einen „Mini-Atlas der Klaviernummern” sowie einiges zu Pflege, Unterhalt usw.

Dieser Text wurde uns freundlicherweise von P. Westera (SR) zur Veröffentlichung überlassen.


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